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Zwischen Stolz und Enttäuschung: Die Stimmen nach der historischen ersten Gold Bowl

  • Autorenbild: A.T.
    A.T.
  • vor 3 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit
The Gold Bowl - Postgame Press Conference - Fotomontage
The Gold Bowl - Postgame Press Conference - Fotomontage

Die erste Gold Bowl der American Football League Europe (AFLE) hat nicht nur einen historischen Champion hervorgebracht, sondern auch zwei völlig unterschiedliche Gefühlswelten hinterlassen. Während die Vienna Vikings nach ihrem 68:5-Erfolg über die Panthers Wrocław den ersten Titel der Ligageschichte feierten, überwogen bei den Polen Enttäuschung und Selbstkritik. In der anschließenden Postgame-Pressekonferenz wurde deutlich, was den Unterschied zwischen beiden Teams an diesem Abend ausgemacht hatte.


Für Vikings-Head-Coach Chris Calaycay begann der Erfolg bereits in der Vorbereitung.

Die einzige Niederlage der Saison gegen Wrocław habe dabei eine wichtige Rolle gespielt. Sie sei Motivation und Weckruf zugleich gewesen.

„Natürlich war die Niederlage gegen die Panthers zu Beginn der Saison eine große Motivation und ein Weckruf. Ich denke, genau darum geht es im Sport und generell darum, wie man mit Widrigkeiten umgeht.“

Die Vikings wussten, was sie erwartete. Wrocław war mit einer starken Serie in die Gold Bowl gekommen und hatte sich insbesondere in der zweiten Saisonhälfte als äußerst gefährlicher Gegner präsentiert. Wien setzte deshalb auf aggressiven Druck gegen Panthers-Quarterback Jameson Wong und wollte ihn zu Fehlern zwingen.

„Wir wussten, dass eine große Herausforderung auf uns wartet“,

erklärte Calaycay.

„Die Panthers waren am Ende der Saison unglaublich stark. Wir wollten deshalb in der Defense sicherstellen, dass wir den Quarterback unter Druck setzen und ihn dazu zwingen, Fehler zu machen.“

Das Konzept ging vollständig auf. Die Vikings-Defense erzwang sechs Turnover, während die Offense sieben Touchdowns erzielte. Für Calaycay war allerdings nicht nur der taktische Gameplan ausschlaggebend, sondern vor allem die außergewöhnliche Vorbereitung seiner Mannschaft.

„Die Jungs haben so hart trainiert, wie ich es in meinen 20 Jahren bei den Vikings noch nie erlebt habe. Es war wirklich beeindruckend zu sehen.“

Calaycay verwies zudem auf die mentale Vorbereitung seines Teams. Die Panthers hatten während der Saison mehrfach bewiesen, dass sie auch nach Rückschlägen zurückkommen können. Genau diesen Glauben wollten die Vikings brechen.

„Wir wussten, dass die Panthers den Glauben hatten, jederzeit zurückkommen zu können. Unsere Aussage war: Wir müssen diesen Glauben zerstören. Wir müssen uns das verdienen.“

Holmes: „Heute hat es einfach geklickt“

Auch Vikings-Quarterback Ben Holmes, der mit seiner herausragenden Leistung zum Gold-Bowl-MVP wurde, führte den Erfolg vor allem auf Vorbereitung und Umsetzung zurück. Holmes lobte den Gameplan und die Arbeit des Coaching Staffs.

„Coach Neuman hat einen unglaublichen Gameplan zusammengestellt. Sie stellen die Defense so vielfältig auf und bieten so viele Herausforderungen, dass man auf alles vorbereitet sein muss.“

Holmes zeigte zugleich großen Respekt vor Panthers-Head-Coach und Defensive Coordinator Dave Likins, der die Wiener Offense im bisherigen Saisonverlauf immer wieder vor große Aufgaben gestellt hatte.

„Ich habe enormen Respekt vor Coach Likins und dem, was er defensiv macht – und natürlich auch vor seiner Arbeit als Head Coach.“

Nach dem Weckruf durch die Niederlage gegen Wrocław habe sich die Einstellung der Wiener Offense verändert. Die Mannschaft wollte sich nicht noch einmal überraschen lassen.

„Nach diesem Weckruf wollten wir uns als Offense einfach nicht mehr stoppen lassen. Das war unsere Einstellung.“

Die Zahlen des Quarterbacks unterstrichen diese Aussage eindrucksvoll. Holmes spielte ein nahezu perfektes Championship Game und führte die Vikings mit sechs Touchdown-Pässen zum historischen Titel.

Dass diese Dominanz keineswegs selbstverständlich war, betonte Holmes nach dem Spiel selbst:

„Football ist kein einfaches Spiel. Das kann ich dir versprechen.“

Hinter der scheinbaren Leichtigkeit stecke vor allem Vorbereitung und die Bereitschaft aller Spieler, ihre Rolle innerhalb des Teams anzunehmen.

„Es ist einfach die Vorbereitung. Die Jungs müssen sich auf das Konzept einlassen. Das musst du tun, wenn du ein Championship Team sein willst.“

Likins: „Vienna war heute besser“

Auf der anderen Seite musste Dave Likins eine der deutlichsten Niederlagen der Panthers-Saison erklären. Der Head Coach fand dabei schnell eine klare Antwort auf die Frage, was im Vergleich zum Sieg gegen Wien während der Regular Season anders gewesen sei:

„Das Erste, was anders war: Vienna war heute besser.“

Die Vikings seien besser vorbereitet gewesen und hätten gezielt auf die Stärken der Panthers reagiert. Vor allem die Matchups hätten Wien konsequent genutzt.

„Sie haben einen großartigen Gameplan. Sie haben uns aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie haben Matchups gefunden, die sie ausnutzen konnten – und sie haben sie immer wieder ausgenutzt.“

Die Turnover der Panthers verschärften die Situation zusätzlich. Immer wieder bekam Wien nach Fehlern der Wrocław-Offense kurze Felder und konnte diese Chancen konsequent nutzen. Dadurch entwickelte sich das Spiel früh zu einer Einbahnstraße.

Auch beim Vergleich mit dem Halbfinalsieg gegen Rhein Fire zeigte sich Likins selbstkritisch. Damals hatte Wrocław einen frühen Rückstand noch drehen können. In der Gold Bowl gelang dies nicht.

„Wir sind heute mit Widrigkeiten nicht so gut umgegangen wie damals.“

Dabei habe die Mannschaft normalerweise gerade ihre Widerstandsfähigkeit ausgezeichnet. Doch diesmal habe man schlicht zu wenige eigene Plays gemacht.

„Heute haben wir dagegen überhaupt nicht viele Plays gemacht. Und das macht einen großen Unterschied.“

Wong: „Ich habe das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben“

Besonders emotional äußerte sich Panthers-Quarterback Jameson Wong. Der Spielmacher war am Vorabend noch zum MVP der Saison gewählt worden. Im wichtigsten Spiel des Jahres erwischte er jedoch einen äußerst schwierigen Abend.

Wong wollte den persönlichen Erfolg vom Vortag deshalb nicht überbewerten:

„Der MVP-Titel bedeutet nicht wirklich viel, wenn man in ein Championship Game kommt und dann einen schlechten Tag hat.“

Der Quarterback übernahm unmittelbar Verantwortung für seine Leistung.

„Ich hatte heute einen schlechten Tag und ich habe allen meinen Jungs gesagt, dass ich das Gefühl habe, sie im Stich gelassen zu haben.“

Die Enttäuschung war deutlich spürbar. Gleichzeitig kündigte Wong an, die Niederlage als Lernprozess zu nutzen.

„Ich werde daraus lernen, denn ich möchte mich nie wieder so fühlen.“

Auch seine Analyse des Spiels fiel selbstkritisch aus. Die Wiener Defense habe einen starken Gameplan umgesetzt und ihm große Probleme bereitet.

„Ich muss diese Turnover reduzieren. Und wenn wir in die Red Zone kommen, müssen wir Touchdowns erzielen.“

Für Wong war die Niederlage deshalb trotz der Enttäuschung auch eine wichtige persönliche Erfahrung:

„Für mich war es ein großer Lerntag – nicht nur als Mensch, sondern auch als Spieler.“

Respekt trotz klarer Verhältnisse

Trotz der enormen Niederlage war der gegenseitige Respekt zwischen den Teams deutlich spürbar. Besonders Dave Likins stellte nach der Frage zu Wong klar, welchen Anteil sein Quarterback am Erreichen der Gold Bowl gehabt hatte.

„Dieser Typ hier – unglaublich. Wir wären heute ohne ihn nicht hier gewesen.“

Wong habe trotz seiner enttäuschenden Leistung eine herausragende Saison gespielt und sich als Leader der Mannschaft bewiesen.


Auch auf Wiener Seite wurde die Leistung der Panthers anerkannt. Die Vikings wussten, dass sie gegen einen Gegner antraten, der sie bereits einmal geschlagen hatte und am Ende der Saison zu den stärksten Teams Europas gehörte.

Die Gold Bowl war damit nicht nur die Entscheidung über den ersten Champion der AFLE, sondern auch der Abschluss einer Saison, in der beide Mannschaften mehrfach bewiesen hatten, dass sie zu den besten Teams der Liga gehören.


Ein emotionaler Abschluss

Bei den Vikings war nach dem Schlusspfiff allerdings nicht nur Euphorie zu spüren. Ben Holmes zeigte sich auf die Frage nach seiner Zukunft sichtlich nachdenklich. Ob er auch 2027 für die Vikings spielen wird, ließ der Quarterback offen.

„Ich habe eine Frau und zwei Kinder und kann im Moment keine Entscheidungen treffen. Aber was für ein Abschluss wäre das, wenn ich tatsächlich aufhören würde?“

Gleichzeitig machte Holmes deutlich, wie eng seine Verbindung zu den Vikings inzwischen ist:

„Ich liebe die Vikings. Ich würde wahrscheinlich für kein anderes Team spielen als für Coach Chris und die Vikings-Organisation.“

Für Chris Calaycay war der Titel deshalb weit mehr als nur ein einzelner Sieg. Nach Jahren gemeinsamer Arbeit, Rückschlägen und schmerzhaften Niederlagen sei der Triumph der Lohn für die gesamte Organisation.

„Wir haben das alles gemeinsam erlebt. Es hat uns besser gemacht.“

Und so standen am Ende der ersten Gold Bowls zwei sehr unterschiedliche Gefühlswelten gegenüber: auf der einen Seite die historische Freude der Vienna Vikings über den ersten AFLE-Titel, auf der anderen die tiefe Enttäuschung der Panthers Wrocław.

Doch selbst nach einem 68:5-Endstand überwog auf beiden Seiten der Respekt vor dem Weg, den beide Teams bis zum ersten Championship Game der neuen Liga zurückgelegt hatten.



A.T.

(Quelle: AFLE Postgame Press Conference, Sebastian Mühlenhof)

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