AFLE: Jim Tomsula ist zurück – und erzählt seine Geschichte
- A.T.

- vor 24 Stunden
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Monatelang war die Trainerlegende verschwunden. Nun spricht der frühere Rhein-Fire-Coach erstmals offen über die wahren Gründe: Neben einer schweren Erkrankung in der Familie erhielt er selbst eine schockierende Diagnose. Inzwischen ist er als AFLE-Präsident zurück. Und er hat viel vor.
Inhalt des Artikels
Als sich die Lage beruhigt hatte, gab es für Jim Tomsula nicht mehr viel zu tun. Eine Runde spazieren gehen, im Kraftraum trainieren, dann zu Hause in Florida auf einem Stuhl sitzen und den Ozean beobachten. Oder aus Langeweile jedes dreckige Geschirr sofort abspülen.
„Ich habe jeden verrückt gemacht, weil ich irgendetwas tun wollte“,
sagte er rückblickend. Da kam ein Anruf aus London, der ihn zurück in die europäische Football-Welt holte, gerade recht.
Lange Zeit hatte der ehemalige Head Coach von Rhein Fire davon nichts wissen wollen. Von Europa. Vom Football. Aus familiären Gründen zog er sich im Frühjahr 2025 zurück. Doch es war nicht nur die schwere Krankheit eines engen Angehörigen, es war auch Tomsula selbst, der eine schockierende Diagnose bekam. Es folgten Monate der Angst, der Trauer und auch der Wut. Monate, in denen er sich niemandem offenbarte. Bis jetzt. Denn Tomsula ist wieder da: Als Präsident der American Football League Europe (AFLE) steht er wieder im Rampenlicht. Und er möchte deshalb reinen Tisch machen, das hat er mit seiner Familie so besprochen.
„Die Leute haben ein Recht darauf, es zu erfahren“,
sagte Tomsula. Der Redaktion der Rheinischen Post hat er exklusiv seine Geschichte erzählt.
Der Rückzug von Rhein Fire
Während bei Rhein Fire im September 2024 die Feierlichkeiten nach dem zweiten Titelgewinn in der European League of Football (ELF) liefen, hatte Tomsula nur noch ein Ziel: nach Hause. Am Tag nach dem Finale saß er schon morgens früh im Flugzeug. Die Familie war bereits Wochen zuvor abgereist. Denn ungefähr zum Start der ELF-Play-offs erhielt Tomsulas Schwiegervater eine schwerwiegende Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Head Coach blieb zunächst beim Team:
„In so einer Position zählen all diese Leute auf dich. Man will keine Unruhe stiften und nicht, dass sich die Geschichte um Jim dreht. Also bin ich geblieben.“
Aber nur so lange wie nötig.
„Wir versammelten uns alle um meinen Schwiegervater, der gerade seine Chemotherapie und all seine Behandlungen durchlief und im Grunde genommen im Sterben lag“,
sagte Tomsula.
„Und das ist eine wirklich schwere Krebserkrankung. Also haben wir uns als Familie um ihn versammelt, haben unser Bestes gegeben und all unsere Anstrengungen auf ihn konzentriert.“
Tomsula informierte Rhein Fire darüber, wollte es aber nicht öffentlich machen, um auch in den USA Schlagzeilen darüber zu vermeiden:
„Also habe ich einfach ‚familiäre Gründe‘ angegeben, um seine Privatsphäre und Würde zu schützen.“
Gleichzeitig arbeitete Tomsula an der neuen Saison mit Rhein Fire, am Aufbau des Teams. Kurz vor Saisonstart 2025 war er sogar ein paar Tage wieder in Duisburg. Eine komplette Rückkehr sollte es noch nicht geben. Nach wie vor lag der Fokus auf der Familie und auf dem Schwiegervater, der weiterhin gegen den Krebs kämpfte. Doch es gab einen Plan, wonach er von den USA aus helfen und ab und zu persönlich vor Ort sein könne, während Richard Kent die Führung übernehmen sollte. Doch dann machte ihm seine eigene Gesundheit einen Strich durch die Rechnung.
Die schockierende Diagnose
Eine Lungenentzündung nach einer Football-Saison – für Jim Tomsula war das fast schon normal.
„Manchmal war ich am Ende des Jahres völlig erschöpft, weil ich nicht geschlafen habe, nicht trainiert und mich nur mit Football beschäftigt habe.“
Also dachte er sich auch nichts dabei, als er nach seinem Trip nach Duisburg im Frühjahr 2025 eine Erkältung hatte. Doch seine Frau Julie schickte ihn zum Arzt. Der untersuchte die Lungenfunktion, die völlig in Ordnung war. Nicht überraschend für Tomsula, der tags zuvor noch 20 Meilen Fahrrad gefahren war und Gewichte gestemmt hatte. Doch der Arzt checkte weiter und schickte Tomsula schließlich zum Kardiologen – und der stellte eine Herzleistung von nur 15 Prozent fest:
„Eigentlich dürfte ich gar nicht herumlaufen, ich dürfte nicht einmal stehen.“
Eine richtige Ursache konnte bei weiteren Untersuchungen im Krankenhaus nicht gefunden werden.
„Ich hatte keine Blockaden, ich habe keine erhöhten Cholesterinwerte, alles ist in Ordnung, alle meine Blutwerte sind gut, aber mein Herz ist geschädigt“,
erzählte Tomsula. Vielleicht war es der Lebensstil als Footballtrainer mit viel Stress und wenig Schlaf, vielleicht Corona.
„Mein Herz arbeitete also nur noch zu 15 Prozent und man stellte bei mir eine Herzinsuffizienz fest. Das ist meine Erkrankung. Sie wird nie geheilt werden können.“
Verbessert habe sie sich sehr wohl: Inzwischen liege die Herzleistung durch die Behandlung in einer experimentellen Studie wieder bei 45 Prozent. 50 Prozent wären schon wieder normal. Er gebe sein Bestes, versicherte Tomsula, und es gehe ihm wieder gut:
„Meine Frau ist meine beste Freundin. Sie ist bei mir und passt auf, dass ich meine Medikamente nehme. Ich habe meiner Familie versprochen, dass ich das tue und alles nötige mache.“
Kontaktabbruch
Zunächst einmal stand da aber die Diagnose.
„Jetzt verliert meine Frau ihren Vater, meine Kinder verlieren ihren Großvater, und jetzt hat Papa auch noch eine Herzinsuffizienz. Ich will meinen Kindern das alles nicht zumuten“,
erzählte Tomsula von dieser Zeit. Er wollte das aus der Öffentlichkeit raushalten.
„Und um ganz ehrlich zu sein: Ich war wütend, ich hatte Angst, ich war aufgebracht, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich habe normalerweise keine Angst oder so, das bin nicht ich.“
Er selbst habe keine Angst zu sterben, habe dann aber natürlich an seine Frau, die Kinder und seine Verantwortung für die Familie gedacht.
„Ich bin der Vater. Ich bin der Ehemann. Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch. Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es allen besser geht. Ich wollte ihnen nicht noch mehr Probleme machen.“
Um damit selbst fertig zu werden und seine Familie zu schützen, beschloss Tomsula, mit niemandem darüber zu reden:
„Ich habe mich komplett zurückgezogen, habe alles ausgeblendet. Meinen Freunden, irgendwem – ich habe es niemandem gesagt.“
Rhein Fire habe er vor Saisonstart mitgeteilt, dass er nicht zurückkehren werde, die genauen Gründe aber ebenfalls nicht genannt. Die Franchise wusste von der Krankheit des Schwiegervaters, nichts aber von den Herzproblemen.
So verging einige Zeit, in der der Schwiegervater verstarb, die Familie trauerte, Tomsula seine Herzschwäche bekämpfte und jegliche Kontakte vermied. Ob er es rückblickend hätte anders machen können?
„Ich weiß es nicht. Das ist der Weg, für den ich mich entschieden habe und warum ich mich dafür entschieden habe. Ich wollte niemanden verletzen oder so.“
London calling
Den europäischen Football verfolgte Tomsula in dieser Zeit nicht. Über seine Kinder und deren Informationen aus den sozialen Medien bekam er irgendwann mit, dass es nun zwei Ligen gebe, aber Details kannte er keine. Anrufe nahm er nicht entgegen. Bis etwas Ruhe einkehrte im Familienleben und er wie erwähnt immer wieder nach Dingen suchte, die er tun konnte – und er schließlich eine Nachricht aus London bekam von einem Mann namens Tony Allen.
„Wir sind Freunde seit den späten 1980ern“,
erklärte Tomsula. Zudem ist Allen eine der führenden Figuren der London Warriors, die jetzt in der AFLE spielen.
Zum damaligen Zeitpunkt wurde gerade ausgelotet, ob es eine Londoner Franchise in der AFLE geben könnte. Und der Besitzer der Liga wollte gern mit Tomsula sprechen, Allen den Kontakt herstellen. Eine Rückkehr also ins Footballgeschäft – ob er dazu bereit sei, habe er seine Frau gefragt.
„Ich denke, es wäre gut für dich, denn du bist nicht gut darin, nichts zu tun“,
habe Julie geantwortet. Doch beide seien sich auch einig gewesen, dass sich Dinge ändern müssten: Etliche Tassen Kaffee am Tag oder Meetings spät in der Nacht, solche ungesunden Dinge eben – die gingen nicht mehr.
Wenig später hatte er Tony Allen am Telefon. Und dann den AFLE-Besitzer. Da sei Tomsula zunächst skeptisch gewesen, ob sich in so kurzer Zeit eine Liga aufbauen lasse. Doch dann hörte er einige bekannte Namen wie zum Beispiel Frank Wendorf oder Andreas Nommensen, die schon an Bord waren. Danach wurde aus einem vereinbarten Treffen zum Mittagessen mit dem AFLE-Besitzer ein 13-Stunden-Tag mit tiefgreifenden Gesprächen – und am Ende war Tomsula an Bord. Am 26. Juni verkündete die AFLE seine Ernennung zum Präsidenten der Liga.

Die neue Rolle
Was genau Tomsula als Präsident machen wird?
„Alles, was schiefläuft, fällt in meine Verantwortung“,
beschrieb er es kurz und knapp. Sein erster öffentlicher Auftritt war vergangenes Wochenende beim Spiel der Panthers Wroclaw gegen die Paris Lights, einen Tag später ging es nach Berlin. Thunder hat offensichtlich einige Probleme, beispielsweise darin, dass es zum Spiel gegen die Vienna Vikings nicht die angekündigten Tribünen für die Fans gab, sondern letztlich nur wenige dabei sein konnten. Es war am Ende eine unwürdige Kulisse.
Auch deshalb war Tomsula in Berlin, um mit den Besitzern zu sprechen und zu schauen, wo die Liga helfen kann. Es gab aber auch einen Austausch mit den Fans. Denn die seien genauso Teil des Teams, das die AFLE sein will, die Liga gehöre auch ihnen, das betone Tomsula:
„Es spielt keine Rolle, was mir gefällt – entscheidend ist, was den Fans gefällt.“
Außerdem wolle er dafür sorgen, dass alle Franchises der AFLE zusammenarbeiten. Nicht auf dem Spielfeld versteht sich, aber daneben:
„Wenn ein Team wie Berlin eine gute Marketing-Idee hat, können wir sie vielleicht auch in Paris nutzen.“
Oder wenn ein anderes Team ein Problem gelöst habe, solle es die Liga das wissen lassen, sodass andere Franchises, die vielleicht vor derselben Hürde stehen, von den Erfahrungen profitieren können.
„Wir sollten nicht einfach alle diese Teams für sich arbeiten lassen.“
Es gehe um Kommunikation und effizientes Arbeiten.
Tomsula sagte, seine Ziele als Präsident der AFLE seien sowohl kurzfristig als auch langfristig angelegt. Zunächst wolle er die Strukturen der Liga ordnen und sicherstellen, dass die Kommunikation zwischen Ligabüro und Franchises reibungslos funktioniere. Das Ligabüro solle vor allem als Unterstützung für die Standorte dienen – und damit letztlich auch für Spieler und Fans. Zugleich gehe es darum, die Liga finanziell solide und nachhaltig aufzustellen. Dafür brauche es klare Systeme, geordnete Abläufe und einen effizienten Umgang mit Ressourcen.
Inhaltlich wolle man funktionierende Ansätze stärken und ausbauen, Probleme dagegen stabilisieren und Schritt für Schritt beheben.
„Natürlich wird nicht alles an einem Tag gelöst sein. Aber es wird Dinge geben, die man schnell sieht“,
sagte Tomsula.
Parallel dazu denke die Liga bereits über die laufende Saison hinaus. Themen wie Stadien, Trainingsstätten, lokale Partnerschaften und Jugendarbeit müssten frühzeitig für die kommenden Jahre geplant werden:
„Unser Ziel ist es, aus einem reaktiven Modus herauszukommen und proaktiv zu arbeiten.“
Die Rückkehr nach NRW
Jim Tomsula ist also wieder da. Und er glaubt weiterhin fest daran, dass es was werden kann mit professionellem Football in Europa. Dafür lebt er in den kommenden Monaten von Hotel zu Hotel und reist quer über den Kontinent. Nach Breslau und Berlin verschlägt es ihn schon dieses Wochenende an einen Ort, an dem ihn sicher schon einige sehnsüchtig erwarten: in die Rhein-Ruhr-Region, nach Düsseldorf und Duisburg.
Tomsula wird am Sonntag beim Spiel von Rhein Fire gegen die Panthers Wroclaw dabei sein. Es dürfte aber nicht die einzige Gelegenheit sein, ihn zu treffen. Denn die Monate des Rückzugs liegen hinter ihm – jetzt wartet auf Jim Tomsula wieder jede Menge Arbeit.
A.T.
(Quelle: Rheinische Post - Stefan Janssen)





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